Electronic Body Music, kurz EBM, ist ein in den frühen achtziger Jahren entstandener Musikstil, der sich durch sich wiederholende Sequenzerläufe, vorwiegend tanzbetonte Rhythmen, sowie klare, parolen-ähnliche Shouts auszeichnet. Er gilt als Verbindung von britischem Industrial- und paneuropäischen Elektro-Sounds und zählt unter anderem zu den Wegbereitern des modernen Techno.
Ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre konnte EBM auch in Ländern wie Schweden, Japan und einigen Regionen der USA Fuß fassen.
Stilistische Merkmale
Charakteristisch für EBM sind tanzbare Rhythmen im 4/4-Takt, die Geschwindigkeit der jeweiligen Tracks kann zwischen 100 und 230 bpm liegen. Der Gesang wird klar und tief gesprochen, guttural gegrölt bzw. wie eine Militärparole gerufen. Ein weiteres typisches Merkmal der EBM stellen die wiederholenden Tonfolgen dar, die zuvor mit Hilfe eines Step-Sequenzers programmiert werden.
EBM ist im Allgemeinen durch minimale Strukturen gekennzeichnet und galt für damalige Verhältnisse als kraftvoll und energiegeladen. Tanzbarkeit sowie die Darbietung ungekünstelter Härte standen oftmals im Vordergrund.
Geschichte
In Belgien von Gruppen wie Front 242 begründet, übten jedoch deutsche Bands wie DAF, Die Krupps oder Liasions Dangereureses den wohl größten Einfluss auf die Entstehungsgeschichte aus. Deren Themen „Arbeit, Schweiß & Muskelkraft” wurde von Projekten wie Nitzer Ebb kurzerhand übernommen und blieb bis Anfang der 1990er Jahre im Umfeld der EBM erhalten. Einflüsse von Künstlern aus dem Industrial-Bereich (Cabaret Voltaire, Throbbing Gristle) machten sich schon früh bei der Musik von Front 242 bemerkbar, die Beteiligung deutscher Avantgarde (Can, Kraftwerk, Neu!) an der Stilentwicklung bleibt nach wie vor umstritten.
Zu unterscheiden ist zwischen der "Begründergeneration", die von Gruppen wie den bereits genannten Front 242 oder Nitzer Ebb vertreten werden und der Ende der achtziger Jahre folgenden zweiten Welle, die sich stark an ihre Vorbilder anlehnt. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang Projekte aus Deutschland (Bigod 20, Armageddon Dildos, Oomph!, Orange Sector, Paranoid, Aircrash Bureau), England (Electro Assassin), Schweden (Pouppée Fabrikk, Scapa Flow), Japan (DRP), Holland (Force Dimension) sowie aus dem Ursprungsland Belgien (Vomito Negro, Insekt, Typis Belgis).
Ferner gab es Projekte, welche man auf Grund einzelner Titel in das EBM-Genre einreihte. Beispiele hierfür sind u. a. A Split-Second, AAAK, Inside Treatment, The Invincible Spirit, The Neon Judgement, Pankow, Philadelphia Five, Tribantura, The Weathermen oder die experimentellen The Klinik.
Etwa ab 1993 entwickelten sich aus EBM neuere Stilarten wie Dark Electro , Hardcore Electro (LeÆther Strip) oder Electro-Industrial (Dive, Suicide Commando, Stin Scatzor). Der enorme Stilwandel von führenden Projekten wie Front 242 oder Nitzer Ebb bedeutete zugleich das Todesurteil für den Hauptkern der EBM-Kultur. Ein weiteres Problem stellte die herannahende Techno-Welle dar, die den rasanten Niedergang zusätzlich begünstigte. Trotz des Bestehens von über einem Jahrzehnt blieb die Electronic Body Music von jeglicher kommerzieller Ausschlachtung verschont.
Seit Ende der 1990er Jahre und nach der Jahrtausendwende zeigen sich Revitalisierungsversuche durch Epigonen wie Ionic Vision, Dupont, Spetsnaz, Proceed, Sturm Café, Volt oder Void Kampf.
Amerikanische Bands
Bands wie Front Line Assembly, Skinny oder Numb zählen sich selbst nicht zur Electronic Body Music, da dieser Begriff weder in Kanada, noch den USA geläufig ist. Für die Musik dieser Projekte wurde generell die Bezeichnung Industrial verwendet. In Europa gehören diese Bands jedoch aufgund der nahen stilistischen Verwandschaft zum EBM.
EBM im kulturellen Kontext
Zwei Faktoren waren in den 1980er Jahren unmittelbar mit der Entstehung der EBM verbunden: der Kalte Krieg, die wachsende Arbeitslosigkeit durch technischen Fortschritt, die Katastrophe von Tschernobyl und die fortdauernde Gefahr eines atomaren Krieges auf der einen Seite, die musikalische Aufbruchstimmung der vom Punk und New Wave beeinflußten Generation auf der anderen. Dies spiegelt sich auch im Outfit der EBM-Kultur wider, die sich primär am Kleidungsstil ihrer Idole orientierte.
Eine ausgeprägte Szene existierte anfangs jedoch nicht, in Belgien und Holland galt EBM hauptsächlich in kleineren Clubs als Anlaufpunkt der ansässigen Skins bzw. Hooligans. Auch die spätere Hörerschaft konnte durch ihr martialisches Erscheinungsbild ausgemacht werden, was häufig zu Verwechslungen mit Vertretern aus der Punk- bzw. Neonazi-Szene führte. Viele Zuläufer, fanden den Einstieg über Depeche Mode, obgleich dieses Projekt an der Entstehung der Electronic Body Music nicht maßgeblich beteiligt war.
1994 galt die EBM-Kultur erstmalig als offiziell erloschen. Nach dem schnellen Niedergang der Musik ging ein Großteil der damaligen Hörerschaft nahtlos in die des Techno über. Aus weiteren Teilen entwickelte sich die Elekrto-Szene, die heute im Rahmen der Schwarzen Szene existiert.
Kein Abschied für immer, wie sich später herausstellen sollte. Seit dem Jahr 2000 hat das Interesse an EBM wieder stark zugenommen. Gerade der Osten Deutschlands mit seinen sozialen Missständen bildete den Nährboden für einen erneuten Aufschwung. Auch sieht man darin oftmals einen Widerstreit gegen vorherrschende, technoid geprägte Stile wie Aggrotech oder Future Pop.
Politische Ausrichtung
Politik spielt bei den Anhängern des EBM eine eher nebensächliche Rolle. Das zumeist einheitliche martialische Auftreten der Anhängerschaft wurde jedoch oftmals als Demonstration eines menschlichen Idealbilds verstanden. Verwendete Symbole wie Hammer, Maschinenrad oder Ährenkranz erinnerten zum Teil an Kennzeichen verschiedener Arbeiter-Organisationen aus der Zeit des Dritten Reichs.
Musik und Kultur kamen dadurch schnell in den Verruf, faschistisch zu sein. Diese Annahme wurde zusätzlich gestärkt, da die Hauptvertreter vom politischen Standpunkt aus keine klaren Statements abgaben. Ein ähnliches Problem existierte jedoch schon zu Zeiten der NDW. DAF, Die Krupps oder Propaganda rückte man einst in den frühen 1980er Jahren ins falsche Licht, ohne deren Beweggründe zu hinterfragen.
Bis heute gibt es keine klaren Anzeichen dafür, dass die EBM-Kultur politisch rechts orientiert ist. Vielmehr bedient man sich bereits vertrauter Provokationsformen aus dem Punk- bzw. Industrial-Umfeld. Das belgische Projekt Vomito Negro beispielsweise beschäftigte sich stark mit globalen Problemen wie Umweltzerstörung oder Tiermissbrauch.